Jeder Spielsüchtige kennt sie: die Angst vor einem Rückfall. Doch was löst einen Rückfall aus? Warum kann es passieren, dass man die Kontrolle erneut verliert, obwohl man doch fest beschlossen hat, nicht mehr zu spielen?
Das Thema "Rückfälle" ist so komplex wie das Thema "Spielsucht" selbst. Jeder Spieler hat individuelle Motive, die ihn zum Zocken getrieben haben / treiben. Um die Frage nach dem "Warum?" zu beantworten, muss man sich darüber Gedanken machen, was bei einem Spielsüchtigen im Kopf geschieht, wenn in ihm der Suchtdruck steigt.
Das menschliche Gehirn ist ein faszinierendes Organ, das so vielschichtig ist und dessen Funktionen so umfangreich sind, dass es selbst der Wissenschaft bis heute nicht gelungen ist, alle Vorgänge in ihm zu entschlüsseln und zu erklären.Eine der herausragendsten Fähigkeiten unseres Gehirns ist es zu lernen. Lernen findet dabei sowohl bewusst gesteuert statt (z.B. ein Gedicht auswendig lernen) als auch unbewusst (z.B. das Sprechen). Gerade diese Eigenschaft, dass Lernen auch ohne unser aktives Eingreifen geschieht, wird einem Spielsüchtigen oft zum Verhängnis. Der Spieler lernt im Laufe seiner Entwicklung das Glücksspiel als etwas Positives kennen. Dies kann zunächst sehr bewusst passieren, wenn man beispielsweise bei der ersten Begegnung mit dem Glücksspiel etwas gewinnt. Aber auch wenn der Gewinn ausbleibt, kann das Gehirn für sich selbst die Erfahrung mit dem Spiel als etwas "Gutes" speichern, wenn zum Beispiel schlechte Gefühle wie Stress oder Unzufriedenheit während des Spielens nicht mehr wahrgenommen werden. In beiden Fällen erfolgt aber eine Verknüpfung des Spielens mit der Ausschüttung von körpereigenen Hormonen, die für ein positives Empfinden im Menschen verantwortlich sind. Auf diese Stoffe (z.B. Serotonin, Adrenalin etc.) reagiert unser Körper wie auf eine Droge. Wenn einmal die Ausschüttung dieser "Wohlfühl-Droge" im Zusammenhang mit einem bestimmten Verhalten in Verbindung gebracht wurde, so fordert unser Gehirn davon immer mehr.
In jedem Fall wird die scheinbare Erkenntnis, dass Spielen positive Gefühle hervorruft, im Gehirn als "wichtig" eingestuft und damit nicht vergessen. Das menschliche Gehirn verfügt über die Fähigkeit, selbstständig Informationen als brauchbar oder unnütz zu filtern und entscheidet selbst, was gespeichert wird und was nicht. Hat es einmal beschlossen, eine solche Information zu behalten, werden neue Verknüpfungen (Synapsen) gebildet, um sie dauerhaft zu speichern. Damit Informationen für das Gehirn besser auffindbar werden, sucht es nun nach der Möglichkeit, weitere Synapsen zum neu Erlernten anzulegen. Dazu konzentriert es sich auf Reize, Empfindungen und körperliche Regungen, die es in Zusammenhang mit der neuen Information bringen kann. Findet es solche "Schlüssel", werden neue Verknüpfungen gebildet. Solche Schlüsselreize können sein:
- optische Reize (Blinkende Lämpchen am Geldspielgerät, Leuchtreklame im Casino, Filmsequenzen in Rollenspielen)
- akustische Reize (Tonfolgen oder Melodien am Geldspielgerät, Hintergrundmusik bei Rollenspielen, Klappern von Chips im Casino)
- körperliche Signale (Empfindung von Entspannung, Ausschüttung stimulierender Hormone)
All diese Schlüsselreize werden nun mit dem Spielen als positives Erlebnis verknüpft.
Warum kann man sein Gehirn nicht einfach "umtrainieren"?
Hier setzt wieder die Eigenständigkeit unseres Denkens und Speicherns von Informationen ein. Ist das Gehirn einmal von der Richtigkeit gespeicherter Informationen überzeugt, versucht es, diese vor Vergessen zu schützen. Je mehr Verknüpfungen zu einem antrainierten Wissen das Gehirn findet, umso schützenswerter erscheint es ihm. Dies kann so weit führen, dass um unseren Verstand (also den bewussten Teil unseres Denkens) eine Art "Bypass" gelegt wird; d. h., dass das Gehirn 'so von seinem Wissen überzeugt ist', dass es rationale, widersprüchliche Gedanken als störend empfindet und daher nicht zulässt.
Ziel einer erfolgreichen Therapie muss es also sein, dem Gehirn eine alternative Information ("Nicht spielen ist gut.") so zu "verkaufen", dass diese als speichernswert anerkannt wird. Erst, wenn es gelingt, dies dauerhaft zu erreichen, wird das Gehirn in der Lage sein, rationales Denken im Zusammenhang mit dem Spielen und ein Abwägen der positiven Verknüpfungen beider Informationen wieder zuzulassen. Dazu ist es nötig, ständig aktiv auf den Speichermechanismus unseres Gehirns einzuwirken, indem man z.B. möglichst viele positive Gedanken mit dem Nicht-Spielen verbindet. Eiserne Disziplin und ständige Wachsamkeit ist dafür ausschlaggebend. Nur ein "falscher" Gedanke ("Mir geht es so schlecht, dass ich am liebsten spielen würde.") kann einen negativen Lerneffekt bewirken, der das fehlgeleitete Denken wieder verstärkt.
Darin besteht die Rückfallgefahr!
Ein Spielsüchtiger muss es also erreichen, dass das positive Denken über das Nicht-Spielen ein größeres Gewicht bekommt, als die positiven Gedanken an das Spielen. Dies ist ein langwieriger und schwieriger Prozess (Versuche einmal einem überzeugten Vegetarier das Fleisch-Essen als etwas Gutes beizubringen.)
Man muss sich darüber im Klaren sein, dass man dem Gehirn niemals aktiv beibringen kann, etwas Gelerntes wieder zu vergessen! Man kann nur dafür sorgen, dass es aufgrund der Widersprüchlichkeit der gespeicherten Informationen selbst für die Auflösung von Synapsen sorgt. Das Ziel eines Spielsüchtigen muss sein, dass der Gedanke ans Nicht-Spielen irgendwann als so positiv von unserem Gehirn wahrgenommen wird, dass dieser dauerhaft den Gedanken ans Spielen überwiegt. Je länger und intensiver ein Spieler sein Gehirn auf das "falsche" Denken hin trainiert hat, umso länger wird es dauern, die angelegten Synapsen entfernen zu lassen.
Daher gilt: GEDULD, GEDULD, GEDULD 
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