Home Über Spielsucht Interview mit einem Spieler

Nichts geht mehr!
wenn Spielen süchtig macht

Mehr als 300.000 Menschen in Deutschland sind spielsüchtig. Pathologisches Glücksspielen ist eine Krankheit und bestimmt das Alltagsleben süchtig spielender Menschen. Sie nehmen fast jede Gelegenheit wahr zu spielen und vernachlässigen Familie, Berufsleben und soziale Kontakte. Sie verlieren die Kontrolle über ihr Leben. Die Folge ist in den meisten Fällen neben der finanziellen Katastrophe oft der Verlust des Arbeitsplatzes und das Zerbrechen von Beziehungen und Familie. Der Spieler gerät ins Abseits.

 

Nachfolgend geben wir beispielhaft ein Interview mit einem langjährigen Spieler wieder, der nun den Weg aus seiner Sucht gefunden hat:

I: Herr Rawild (Name vom Autor geändert), vielen Dank, dass Sie für ein offenes Gespräch bereit sind. Ich denke, dass Ihnen das nicht leicht fällt.

R: Das ist richtig. Aber da ich nun erkannt habe, dass ich krank bin und bereit bin, mich meiner Krankheit zu stellen und die Hilfe annehmen kann, die angeboten wird, hilft mir der offene Umgang damit.

I: Sie sagen von sich, Sie sind spielsüchtig. Um welche Art von Spielen handelt es sich bei Ihnen?

R: Ich bin seit 15 Jahren automatenspielsüchtig. Da ich 33 Jahre alt bin, spiele ich also knapp die Hälfte meines Lebens. Ich weiß gar nicht mehr, wie viel Zeit ich in Spielhallen und Spielotheken verbracht habe.
Zu unserer Selbsthilfegruppe kommen aber auch andere Spielsüchtige wie Roulette- oder Lottospieler, neuerdings auch Computerspieler. Die Grundmuster der Krankheit sind trotz verschiedener Arten des Spielens gleich.

I: Warum bezeichnen Sie Ihr Spielen als krankhaft?

R: Weil ich beim Spielen komplett die Kontrolle über mein Spielverhalten verliere und normalerweise so lange an den Automaten spiele, bis ich mein ganzes Geld verspielt habe, das ich bei mir habe, obwohl ich mir vorgenommen hatte, nur z.B. 50 Euro zu verspielen oder nur kurze Zeit.
Dazu muss ich erklären, dass es sich bei der Spielsucht um eine emotionale, also stoffungebundene Sucht handelt. Den Einstieg und Übergang vom ungezwungenen Spielen zum zwanghaften "Spielen-Müssen" kann ich bei mir nicht genau datieren. Bei mir war es so, dass ich irgendwann das Spielen nicht mehr als Zeitvertreib ansehen konnte, sondern spielte, weil ich gewinnen wollte, den großen Gewinn wollte, den Jackpot knacken wollte. Nur dann war ich emotional befriedigt. Ich hatte mir eingeredet, der Automat muss doch irgendwann Geld ausspucken, er muss das machen, was ich will. Am Schluss habe ich nur noch gespielt, weil ich durch den erhofften großen Gewinn meine Verluste und verlorenen Geldbeträge wieder bekommen wollte. Der ursprüngliche Sinn des Spielens zur Unterhaltung war mir abhanden gekommen.
Ich behaupte, dass alle regelmäßigen Automatenspieler Suchtmerkmale aufweisen und ihr Spielverhalten kritisch betrachten sollten.

I: Wie viel haben Sie denn so pro Tag verspielt?

R: Es ist durchaus vorgekommen, dass ich innerhalb eines Tages mehrere Tausend Euro verspielt habe. Aber letztlich ist es nicht relevant, wie viel ein Spielsüchtiger verspielt. Er wird immer spielen, bis er alles verloren hat. Auch jemand, der nur mit geringen Einsätzen spielt, wird zu einem bestimmten Zeitpunkt beim Spielen den totalen Kontrollverlust erleiden und seine selbst gesteckten Grenzen überschreiten.

I: Wenn Sie so viel Geld verspielt haben, konnten Sie sich das überhaupt leisten?

R: Natürlich nicht! Aber an die finanziellen Konsequenzen des exzessiven Spielens denkt man in diesem Moment nicht. Die Verantwortung wird komplett ausgeblendet. Es geht nur noch darum: Habe ich Geld zum Spielen? - Wie komme ich an Geld zum Spielen?
Ich überzog mein Bankkonto bis zum Limit, nahm ein Darlehen bei der Bank auf, bezahlte Rechnungen nicht mehr, jonglierte mit Geldeingängen auf meinem Konto, und als von der Bank kein Geld mehr zur Verfügung stand, habe ich Eltern, Freunde und Bekannte mit allen möglichen Ausreden dazu gebracht, mir Geld zu leihen. Was Ausreden anging, war ich ein perfekter Schauspieler. Ich wunderte mich oft, wie leicht ich an Geld kam. Ich hatte zwar immer den Vorsatz, die geliehenen Geldbeträge mit meinen Spielgewinnen wieder zurückzuzahlen. Das war aber völlig unrealistisch. Denn jeder Spieler, der regelmäßig am Automaten spielt, verliert!
Im Übrigen werden auch einige straffällig, um an Geld zum Spielen zu kommen. Diese Art von Beschaffungskriminalität unterscheidet uns dann nicht mehr von anderen Drogenabhängigen, die alles tun, um an ihr Suchtmittel zu gelangen.

I: Das heißt, als Spieler sind Sie bereit sich zu ruinieren, um Ihrer Sucht nachzugehen?

R: Das würde ich so nicht sagen. Solange man Geld zur Verfügung hat, spielt man, ohne daran zu denken, wie sehr man sich bereits verschuldet hat. Das böse Erwachen kommt erst, wenn das Geld weg ist. Dann stellt man sich die Frage, was man da wieder Schlimmes getan hat.
Außerdem ist man ja der Meinung, ein großer Gewinn müsse zwangsweise irgendwann kommen, so dass man seine Finanzen wieder ausgleichen könnte. Die Relation zwischen Gewinn und Verlust ist einem nicht bewusst.

I: Wie gehen Sie mit der emotionalen Belastung um?

R: Die Auswirkungen unterscheiden sich von Spieler zu Spieler. Wenn der Spieler alles am Automaten verloren hat, sucht er die Schuld zunächst beim Automaten und wird nicht selten aggressiv. Ich habe dann auch oft auf den Automaten eingeschlagen, wobei ich jetzt erkannt habe, dass der Automat nur eine Maschine ist und doch nur Computerprogramme ablaufen, die ich als Spieler nicht beeinflussen kann.
Später richtet sich die Aggression des Spielers, wenn er ganz unten angekommen ist, oft Partner und/oder Arbeitsplatz verloren hat gegen sich selbst. Er wird nicht selten depressiv und auch suizidgefährdet. Auch ich bin durch meine Spielsucht sprichwörtlich "an die Wand gefahren".
Erst als ich bereit war, die gesamte Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, kam ich aus dieser absoluten Leere meines Lebens wieder heraus.

I: Wer hat denn diese Verantwortung?

R: Natürlich einzig und allein ich selbst. Aber ich habe lange gebraucht, mir dies einzugestehen. Es war für mich immer leichter, bei anderen den Sündenbock zu suchen, die Verantwortung und Schuld auf andere abzuwälzen. Aber aus welchen Gründen auch immer ich gespielt habe, wegen Stress und Ärger in der Familie, Konflikten bei der Arbeit, es gibt keine Ausreden! Gespielt und Geld in den Automaten gesteckt habe allein ich. Ich bin vor den Problemen geflüchtet.
Jetzt gilt es für mich, gesunde Strategien zu entwickeln, wie ich kompetent und verantwortungsvoll mit all den Höhen und Tiefen des Lebens umgehe und absolut diszipliniert Abstand zum Spielen gewinnen kann. Ich als Spieler kann nur gewinnen, wenn ich abstinent bleibe und nicht spiele! Ich habe das alles zwar schon längere Zeit im Kopf, und trotzdem bin ich in den letzten Jahren zweimal rückfällig geworden. Es ist schwer aus diesem Teufelskreis der Sucht ganz herauszukommen.

I: Was kann ein Spieler tun, um aus diesem Teufelskreis, wie Sie es nennen, auszubrechen?

R: Zunächst muss sich der Spieler in aller Öffentlichkeit und Ehrlichkeit selbst eingestehen, dass er krank ist, und dass er diese Krankheit ohne fachmännische Hilfe nicht allein besiegen kann. Erst wenn er von seiner inneren Einstellung her bereit ist, sich helfen zu lassen, wenn er Verantwortung für seinen Taten übernimmt, sich also seiner finanziellen und sozialen Verantwortung stellt, wird er gesunden können. Dazu ist es für mich unerlässlich, dass er zunächst spielfrei wird, d.h. abstinent bleibt - wie ein trockener Alkoholiker - von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, Monat zu Monat, und Abstand zu seinem früheren süchtigen Leben gewinnt.
Hier hilft zunächst der regelmäßige Besuch der Spielerselbsthilfegruppe, die sich einmal die Woche trifft. Dort findet er Menschen, die seine Krankheit und Sucht verstehen. Er kann dort offen über seine Schwierigkeiten und Probleme sprechen und trifft auf Verständnis, da alle Spieler mehr oder weniger die gleichen Erfahrungen gemacht haben.
Zudem gibt es qualifizierte Beratungsstellen, wie z.B. die Caritas, die Wege aus der Sucht aufzeigen können und deren Beratungsangebot für den Spieler kostenlos ist.
Darüber hinaus sollte sich jeder Spielsüchtige, der von seiner Sucht loskommen will, überlegen, ob eine stationäre oder zumindest ambulante Therapie in einer speziellen Fachklinik oder bei ausgebildeten Psychologen für ihn in Frage kommt. Denn nur über eine Therapie und das intensive Befassen mit sich selbst und seinen "inneren Dämonen" - so war es jedenfalls bei mir - konnte ich herausfinden, wie ich "ticke" und wie ich mein Leben wieder in den Griff bekomme.
Ein anstrengender Weg, der sich für mich aber gelohnt hat! Ich führe jetzt ein neues, spielfreies Leben!

I: Vielen Dank für das offene Gespräch! Ich wünsche Ihnen weiter viel Erfolg auf Ihrem neuen Weg!

 

Selbsthilfegruppe
der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle Kempten des Caritasverbandes für die Diözese Augsburg e.V.
für pathologische Glücksspieler

Tel.: 0831 - 25019

Wann & wo?

jeden Sonntag 18-20 Uhr
Linggstr.4, Kempten

Mitglied im
Arbeitskreis "Sucht" - Kempten
ak-sucht.shg-kempten.de

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