Wir zeigen einen solchen beispielhaften Dialog zwischen zwei Spielern und versuchen ihn im Anschluss ausführlich unter psychologischen und sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten zu analysieren:
(Die zwei Spieler A und B sitzen nebeneinander an zwei Geldspielgeräten. Beide kennen sich vom Sehen her aus vorangegangenen Besuchen der Spielhalle. Nach einiger Zeit bekommt B eine Ausspielung mit Freispielen.)
A: Na, sind dir gerade Freispiele reingelaufen?
B: Heute habe ich mal ein bisschen Glück; aber gestern habe ich nur verloren und einen Haufen reingeworfen.
(Pause, bei den Freispielen bleibt der 'große Gewinn' noch aus.)
A: Jetzt müsste aber mal was kommen.
B: Ich hab eigentlich nie Glück. Schaun wir mal, ob noch was geht.
(In den Freispielen gab es keinen nennenswerten Gewinn.)
A: War ja eigentlich klar. Ich glaub, du musst mit höherem Einsatz spielen.
B: Meinst du wirklich?
A: Ja, sicher.
(B sieht auf das Gerät seines Nachbarn, der mit einem Einsatz von 60 Cent pro Walzendrehung spielt und stellt seinen Einsatz von 20 Cent auf 50 Cent pro Walzendrehung um. Nach kurzer Zeit kommen erneut Freispiele an seinem Automaten.)
A: Jetzt! Da sind sie ja schon. Siehst du?
(Auch diesmal bleibt ein größerer Gewinn aus.)
A: Geht wohl doch nichts. Ich würde auf ein anderes Spiel wechseln.
B: Mal schaun.
(Beide spielen wortlos einige Zeit weiter.)
B: Kannst du mir den kurz freihalten? Ich muss schnell Geld holen.
A: Klar, mach ich.
(B's Geldspeicher am Automaten ist leer gelaufen, und er geht mit seiner EC-Karte zum Geldautomaten. Mit 50 Euro in Münzen kommt er zurück und wirft 10 Euro ins Gerät.)
B: Bin schon wieder da. Danke!
(Beide spielen wortlos einige Zeit weiter. Beide Automaten geben keine größeren Gewinnbilder.)
A: Hast du den gesehen?
(A zeigt auf einen Spieler auf der anderen Seite des Raumes, der soeben ein recht hohes Gewinnbild erhalten hat.)
A: Der hat sich gerade erst hingesetzt, und schon laufen dem die 7er rein.
B: Solche Typen hasse ich. Die kommen. schmeißen fast nichts rein und gewinnen. Und wir zahlen und zahlen, und nichts geht. Die Kisten mögen mich nicht.
(Wieder vergeht einige Zeit, in der die beiden wortlos vor ihren Automaten sitzen.)
A: Kannst du mir nen 10er pumpen? Kriegst ihn nachher wieder. Wir können später gemeinsam zu meiner Bank gehen. Hier will ich nichts abheben.
B: Nee, so was mache ich grundsätzlich nicht. Sorry.
A: Ich will dich nicht bescheißen. Du kriegst es auf jeden Fall wieder.
B: Tut mir leid.
(B dreht sich um und beschäftigt sich wieder mit seinem Automaten. A schaut noch einige Zeit zu und verlässt dann die Spielhalle.)
A: Viel Glück noch.
B: Danke.
Untersuchen wir nun diesen Dialog auf Gesprächsanlässe, Inhalte und versteckte (non-verbale) Botschaften:
A beginnt das Gespräch. Anlass sind die Freispiele, die B gerade bekommen hat. Da bei A schon seit langer Zeit nichts Nennenswertes am Gerät passiert ist, ist davon auszugehen, dass er seinen Nachbarn nicht anspricht, weil er ihm die Gewinnmöglichkeit gönnt, zumal sich die beiden nicht näher kennen. Vermutlich spielt eher Neid eine Rolle. Außerdem kann sich A so von seinem verlustreichen Spiel ablenken und sieht sich zunächst darin bestätigt, dass man am Automaten auch etwas gewinnen kann.
B berichtet darüber, dass er in der Regel nur verliert. Das ist wohl kaum eine ernst gemeinte Botschaft an seinen Gesprächspartner, da dies bei jedem Spieler so ist. Es ist wohl eher der Versuch, sich im Voraus auf einen weiteren Misserfolg vorzubereiten. Ein gewisser Pessimismus ist erfahrungsbedingt und sorgt zudem dafür, dass die Endorphin-Ausschüttung im Fall eines tatsächlichen Gewinns um Einiges höher ist, da der Gewinn unerwartet ist.
Nach den erfolglosen Freispielen gibt A eine Erklärung dafür, indem er auf den 'zu geringen' Einsatz hinweist. A fühlt sich darin bestätigt, mit seinem höherer Spieleinsatz die richtige 'Strategie' zu verfolgen und ist innerlich sogar beruhigt, dass B mit einem geringeren Einsatz 'kein Glück' hatte. A rät B dazu den Einsatz zu erhöhen. Welche Botschaft steckt dahinter? - Sicher nicht der Wunsch, dass sein Nachbar nun mehr gewinnt. Es ist vielmehr ein weiterer Versuch, dem regelmäßigen Spielen etwas Positives abzugewinnen. Er zeigt damit, wie erfahren er ist im Umgang mit Geldspielgeräten und suggeriert, dass A 'verstanden' habe, wie diese funktionieren. B, der wie jeder Spieler das Bedürfnis hat, endlich ein System zu finden, wie man in der Spielhalle gewinnen kann, ist zwar skeptisch, nimmt aber den Tipp an. Er vertraut auf die Erfahrungen seines Nachbarn. Dabei scheint es ihn nicht zu irritieren, dass A trotz eines höheren Einsatzes noch keinen Gewinn erhalten hat. Die Wahl eines anderen Einsatzes als A zeigt jedoch, dass B ein 'eigenes System' finden will.
Nach dem erneuten Erscheinen der Freispiele fühlt sich A in seinem Tipp bestätigt, und auch B ist nun überzeugt. Dass der erhoffte große Gewinn ausbleibt, wird von beiden nicht als Fehleinschätzung interpretiert. Beide finden sich damit ab, dass scheinbar noch nicht der richtige Zeitpunkt gefunden wurde. Erneut 'glänzt A mit seinem Wissen und rät zu einem anderen Spiel. B will aber keine solche Informationen mehr erhalten und hofft auch so auf einen Gewinn.
Nachdem B seinen Geldvorrat aufgebraucht hat, soll A ihm den Automaten reservieren. Ein gewisses Vertrauensverhältnis hat sich zwischen A und B aufgebaut. Die Basis dafür war das bisherige Gespräch, in dem beide sich als 'Leidensgenossen' herausgestellt haben. A erhält dabei die Information, dass B noch Geld zum Spielen zur Verfügung hat. B suggeriert unterbewusst, dass ihm das erneute Geldabheben keine Probleme bereitet, er es sich also leisten kann zu spielen. Außerdem nimmt er dem 'Bewacher' die Möglichkeit, selbst Geld in den nun freien Automaten zu werfen und so einen Teil dessen zu 'gewinnen', was B bereits in das Gerät investiert hatte.
Der Frust über die hohen Verluste wird zum ersten Mal sichtbar, als das Gespräch auf den anderen Spieler kommt, der mit einem deutlich geringeren Einsatz einen Gewinn erhalten hat. Auch hier wollen beide zeigen, wie oft sie spielen und wie erfahren sie schon sind. Purer Neid und Unverständnis prägen den Inhalt der Unterhaltung darüber, dass es anderen Spielern wohl gelingt zu gewinnen - und das mit geringerem Einsatz. Inzwischen wurde sogar ein 'persönliches Verhältnis' zum Automaten aufgebaut. Der Vorwurf nicht gemocht zu werden (von einer Maschine) ist Ausdruck der Absurdität dieser Personifizierung.
Später wird das Vertrauensverhältnis zwischen A und B auf die Probe gestellt. A bittet B um Geld mit dem Versprechen, dies gleich wieder zurück zu zahlen. In diesem Moment hat B für einen kurzen Moment in die Realtität des Lebens zurückgefunden, indem er nicht auf den Wunsch eingeht. Ob allerdings dies der einzige Grund ist oder vielmehr der eigene Geldmangel oder der Wille sein Geld selbst zu verspielen, bleibt offen.
Die Verabschiedung fällt schließlich eher kurz aus. Mit seinem Schlusssatz will A seinem Spielkollegen jedoch mit Sicherheit nicht enrst gemeint 'Glück wünschen'. Der Verlauf des Gesprächs hat gezeigt, dass A wohl eher enttäuscht und mit sich selbst beschäftigt ist. Er hat all sein Geld, das ihm zur Verfügung stand verloren, konnte B nicht dazu überreden, ihm Geld zu leihen, und er musste mit ansehen, wie andere Spieler etwas gewonnen haben. Die Phrase "Viel Glück noch" soll wohl eher seine eigene Situation verharmlosen. Dass B sich am Ende noch bedankt, dient wohl auch eher der Wahrung der Form, als dass es ein Zeichen dafür wäre, B hätte den Glückwunsch ernst genommen.
Nun stellt sich die Frage, ob hier eine Kommunikationsstörung vorliegt. Schließlich haben A und B doch ein Gespräch geführt. Ausschlaggebend dürfte wohl die Betrachtung der Inhalte des Gesprächs sein. Auf der einen Seite unterhielten sich die Beiden über ein sehr sensibles Thema: Geld, das beide wohl nicht in größerem Umfang zur Verfügung hatten. Dennoch fand kein Austausch von darüber hinaus gehenden Informationen statt. Nicht einmal Namen wurden genannt. Das Gespräch geschah also unter Wahrung der Anonymität. Außerdem war die Unterhaltung sehr einseitig. A verfolgte bei dem Gespräch seine eigenen Interessen; er wollte seine Frustration verbergen oder verdrängen, sich durch Selbstdarstellung in seinem Selbstwertgefühl stärken und letztlich durch Aufbau eines Vertrauensverhältnisses B dazu bringen, ihm Geld zu leihen.
B hingegen verhielt sich weitestgehend passiv und reagierte nur auf die Ansprachen seines Nachbarn. Bedingt durch seine Situation, in der er dabei war, viel Geld zu verlieren, war er dankbar und aufgeschlossen für Hinweise und Tipps eines erfahrenen Spielers. B zeigte immer wieder seine Frustration und spielte diese mit einem gewissen Zweck-Pessimismus herunter. Auf der anderen Seite suggerierte B, dass er finanziell abgesichert sei und Geldverluste für ihn zwar emotional aber nicht wirtschaftlich belastend seien.
Beide Gesprächspartner wissen - von einem Außenstehenden betrachtet - wohl darüber bescheid, dass ihr Spielverhalten nicht 'normal' ist. Beide versuchen ihrem Gegenüber jedoch ein anderes Bild über sich zu vermitteln. Keiner ist bereit, sich dam anderen mit seinem eigentlichen Problem anzuvertrauen.
Dennoch wissen vermutlich beide, wie es dem anderen geht und in welcher Situation sich der andere befindet, da beide eine Gemeinsamkeit haben: sie sind spielsüchtig. Doch sich dem Anderen zu offenbaren und ihm seine Probleme zu schildern, würde bedeuten, sich selbst einzugestehen, dass man ein ernstzunahmendes Prblem hat, bei dem man sich helfen lassen muss. Viel leichter ist es, sich vorzugaukeln und dem Gesprächspartner zu vermitteln, man habe alles im Griff.
Eine Kommunikationsstörung liegt in diesem Fall eindeutig vor, da beide Spieler in der Unterhaltung verbal und non-verbal absolut unterschiedliche Informationen an ihren Gesprächspartner übermitteln.
Beide verfolgen in dem Gespräch Zwecke, die sie jedoch nicht öffentlich äußern. Eine 'echte' Kommunikation kann also nicht stattfinden, da es den Rednern jeweils nicht möglich ist, adäquat auf die ihnen übermittelten Informationen zu reagieren und zu antworten.
Dies hat auch zur Folge, dass die Beziehung zwischen A und B gestört wird, bzw. sich nicht aufbauen kann. Ein Beziehung im Sinne eines längerfristigen zwischenmenschlichen Kontakts ist von beiden auch nicht erwünscht. Beide bleiben anonym und gewähren ihrem Gesprächspartner keinerlei Einblick auf ihren wahren emotionalen Zustand.
Vielmehr versuchen beide für sich selbst Nutzen aus dem Gespräch zu ziehen. A will seine Frustration abbauen und sich von seinem verlustreichen Spiel ablenken. Darüber hinaus verfolgt er das Ziel, sich von B Geld zu leihen - spätestens nachdem B den Eindruck vermittelte, über Geld zu verfügen.
B hat ebenfalls das Ziel, seine Verluste durch beiläufige Kommentare und eine pessimistische Grundhaltung zu 'überspielen'. Außerdem erhofft er sich von A Hilfestellungen, wie er doch noch zu einem Gewinn kommen könnte. Mit der Bitte, ihm den Automaten zu reservieren, während B zum Geldautomaten geht, sorgt er dafür, dass A nicht auf die Idee kommt, ihm an 'seinem Gerät' einen Gewinn 'wegzuschnappen'. Dies ist also eher ein Ausdruck von Misstrauen als von Vertrauen.
Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass die Kommunikation zwische A und B eindeutig gestört ist. Beide verfolgen in dem Gespräch andere Ziele, als die verbalen Inhalte vermitteln. Die Beziehung, die sich zwischen beiden Spielern aufbaut, beruht auf reinem Egoismus und nicht auf gegenseitigem Respekt und Wertschätzung. Die Aussage "Zocker haben Kommunikations- und Beziehungsstörungen" zeigt sich in diesem Fall also als bestätigt. - Und wie alle abhängigen Spieler wissen, war dies eine Gesprächssituation, die alle Betroffenen kennen und häufig erlebt haben.
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